KV 520 Museum Gunzenhauser

Als „liedlose Zeit“ haben Musikwissenschaftler die Dekaden um 1700 oft charakterisiert. Es ist richtig, dass zu dieser Zeit deutlich weniger Lieder in Schrift und Druck veröffentlicht wurden als zuvor. Die „liederlose Zeit“ war vor allem eine Zeit der Opernarien, das Lied blieb dem Hausgebrauch vorbehalten und wurde in der Mehrzahl auch nicht schriftlich überliefert. Erst mit der Aufklärung wuchs in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch das Liedschaffen einiger Komponisten. Ludwig van Beethovens seiner Missa Solemnis vorangestelltes Motto „Von Herzen – Möge es wieder – Zu Herzen gehen“ darf man auch auf das Liedschaffen von Wolfgang Amadé Mozart anwenden, das deutlich von der Arie unterschieden ist und Sangbarkeit und Schlichtheit der Empfindung in den Vordergrund stellt. Selbstverständlich sind auch manche Lieder zweckgebunden entstanden: Mozart wusste genau um die Wirkungen des bürgerlichen Salons oder die Erhabenheit der Freimaurerversammlungen. „An die Freude“ KV 53 komponierte der 12-jährige Mozart anlässlich der Genesung von einer Krankheit - in diesem ersten von ihm überhaupt erhaltenen Lied entschied sich Mozart noch für eine Generalbassbegleitung. Die anderen Lieder entstammen aus der Wiener Zeit um 1785-87 und legen beredtes Zeugnis ab von Mozarts intensiver Beschäftigung mit dem damals verbreiteten Strophenlied. So ist die „Abendempfindung an Laura“ KV 523 durchkomponiert und durchmisst in jeder Strophe eine neue Tonart, so dass sich viele Stimmungsvarianten in der Melodik ergeben. „Der Zauberer“ KV 472 ist wiederum schlicht und periodisch gehalten, während „Als Luise die Briefe ihres ungetreuen Liebhabers verbrannte“ KV 520 fast einen avantgardistischen Weg beschreitet. Hier entsteht in allerknappster Form eine Art Melodram, eine Vokalfantasie mit jähen Kontrasten im Klaviersatz und aufgebrochener Form. Allein diese vier Lieder beweisen die Vielseitigkeit und Meisterschaft Mozarts auch auf einem Gebiet, das heute immer noch erschlossen werden will und zu überraschenden Hörerfahrungen einlädt.
Text: Alexander Keuk


KV 520, Als Luise die Briefe ihres ungetreuen Liebhabers verbrannte
Solisten: Britta Schwarz (Mezzosopran), Christine Schornsheim (Klavier)
Aufnahme am 22. Mai 2019 im Museum Gunzenhausen, Chemnitz

KV 520, Als Luise die Briefe ihres ungetreuen Liebhabers verbrannte


Die Kraft des Wortes
Solisten: Maria Popa (Mezzosopran), Monika Rydz (Sopran), Hubert Walawski (Tenor), Thea Hummel (Rezitation), Ville Enckelmann (Klavier)
Aufnahme am 6. März 2016 in St. Andreas, Düsseldorf

KV520, aus Klavierlied, „Als Luise die Briefe“ - Monika Rydz